➤ Triggerwarnung ✦ Diese Geschichte enthält sensible Themen wie psychische und körperliche Gewalt, Andeutungen sexualisierter Gewalt, Zwang, Selbstverletzung und traumabezogene Inhalte. Es thematisiert den Verlust von Kontrolle, Identität und Würde unter extremen Bedingungen. Bitte lies mit Achtsamkeit – besonders, wenn du selbst Erfahrungen mit diesen Themen gemacht hast. Diese Geschichte erzählt von Schmerz. Aber auch von Überleben.
KIRA
⛧⛧⛧
Das lodernde Feuer, das sich in seinen Augen formte. Die Umrisse seines Gesicht bildeten sich. Ich sah seine Narbe. Quer über das Gesicht. Die schattenhafte Gestalt, die mit blutverschmierten Händen nach mir griff. Ich zuckte nicht, wich nicht zurück. Ich konnte es nicht. Weil es sowieso nichts änderte. Der Zorn dieser Bestie schlug wie eine Peitsche auf mich ein. Er war ein Sadist, der Seelen frisst. Und ich war diese Seele. Selbst jetzt gab es kein entrinnen. Niemals.
Seine rauen Finger drückten sich in meine Schultern. Schmerz breitete sich aus. Dann Hitze. Sie zog sich in jede einzelne Faser meines Körpers. Meine Kehle schnürte sich zu, dass ich kaum atmen konnte. Mein Puls raste. Unfähig mich auch nur einen Millimeter zu bewegen. Blut tropfte auf den Boden. Es sammelte sich. Wurde zu einem dunklen See. Er verschlang mich langsam. Und ich ließ es zu. Meine Sicht verschwamm. Dann sah ich nur noch rot.
Ich wachte auf.
Ein Ziehen in der Brust. Ich atmete. Ich lebte. Der Boden unter mir… weich? Es war kein Beton. Aber… warum Beton? Meine Schulter schmerzten immer noch. Mein Magen zog sich zusammen. Das hier konnte nicht echt sein. Es musste ein Trick sein. Irgendetwas passte nicht. Ich öffnete langsam meine Augen. Über mir… grauer Beton – nein. Weiße Tapete. Ich blinzelte. Zwei mal. Dann drehte ich vorsichtig den Kopf. Eine Tür. Aus Holz. Sie war angelehnt. Nicht verschlossen. Licht bahnte sich einen Weg durch den Spalt. Es war warm. Ein Schatten huschte daran vorbei. Ich zog mich zusammen. Warum fürchtete ich mich so sehr? Über mir lag etwas – eine Decke. Meine Finger wanderten zu meinen Armen. Bandagen. Und Kleidung… fremd. Der Geruch in diesem Raum – fremd.
Kein Metall. Kein Blut. Nichts Bedrohliches.
Ich verstand nicht mal, warum ich diese Worte dachte. Oder was in mir vorging. Alles war wirr in meinem Kopf. Durcheinander. In einen dichten Nebel gehüllt. Als ich versuchte, ihn zu lichten, zuckte Schmerz durch meinen Schädel. Wie ein pochende Blitz. Heiß. Schneidend.
Ich richtete mich langsam auf. Die Decke bis zum Kinn hochgezogen. Ich wagte es nicht, mich noch weiter zu bewegen. Mein Blick blieb am Türspalt. Jederzeit konnte etwas hereinkommen. Er. Ich wusste nicht, wer er war – aber er machte mir angst.
Er kam näher. Der Schatten. Ein vertrautes Gefühl. Ich hielt den Atem an. Zog die Decke etwas höher – wissend, dass es nichts brachte sich zu verstecken. Die Tür öffnete sich ein Stück. Das langgezogene Quietschen der Tür. Das Klimpern der Schlüssel. Es dröhnte in meinem Kopf. Dann trat er ein. Groß, gewaltig. Feurige Augen. Er bewegte sich vorsichtig und bedacht. Wie ein Jäger, der seine Beute erspähte. Ich zuckte zusammen. Meine Augen weit aufgerissen. Meine Hände zitterten. Ich war wie erstarrt.
“Du bist in Sicherheit.”, sagte er.
Die war Stimme verzerrt. Sicherheit? Was meinte er damit? Wollte er mit mir spielen? Dann zog er sich zurück. Die Tür fiel ins Schloss. Ich atmete tief aus. Zwang mich, mich zu beruhigen. Meine Finger zuckten. War das wirklich… alles? Die Stille kehrte zurück. Nur mein Atem war noch zu hörten. Flach und zittrig. Ich starrte auf die Tür. Da war kein Licht mehr unter dem Spalt. War er weg?
Meine Finger krallten sich in die Decke. Ich wusste nicht, was ich fühlen sollte. Er hatte mich nicht angefasst. Keine Fesseln. Keine Befehle. Nur diese eine Stimme.
“Du bist in Sicherheit.”
Ein Satz, der in meinem Kopf hin und her schlug, wie ein Pendel. Sicherheit bedeutete nichts. Nicht für jemanden wie mich. Und doch schlich sich ein Gefühl ein. Ein kleines… leises… war es Neugier? Oder war es Wahnsinn?
Ich bewegte meine Füße langsam. Schob die Decke beiseite. Vorsichtig. Zögernd. Ein Fuß berührte leicht den Boden. Er war kalt, aber nicht schmutzig. Kein Blut. Kein Schmerz.
Langsam… viel zu langsam schob ich mich an die Bettkante. Mein Körper zitterte. Es fühlte sich an, als hätte er vergessen, wie man sich bewegt. Der Boden knarzte unter meinen Füßen. Ich zuckte zusammen. Aber es kam nichts. Keine Strafe, dass ich zu laut war oder ein Schlag, weil ich etwas falsch gemacht hatte. Einfach… Stille. Mein Blick wanderte immer wieder zur Tür. Aber es passierte nichts. Es war ruhig. Zu ruhig.
Ich richtete mich auf. Ganz vorsichtig. Ich wartete. Dann ein Schritt. Und noch einer. Meine Hand berührte vorsichtig das Türholz. Ich legte mein Ohr an die Tür. Lauschte. Es war still. Nur mein eigener Atem.
NERO
⛧⛧⛧
Ich schloss die Tür leise hinter mir. Ohne Knall, ohne Klicken. Mein Brustkorb zog sich etwas zusammen. Dumpf, schwer, als würde mein Herz nicht schlagen, sondern sich winden. Diese Augen. Diese Stumme Angst. Nicht flackernd oder laut. Sondern tief. Wie in einem Raum ohne Fenster. Aus dem es kein Entrinnen gab. Ich stand Still im Flur. Die Hand noch an der Türklinke. Etwas an ihr… war mir vertraut. Es war mehr wie ein Gefühl, das tief aus meinem Innersten schrie. Ich zwang mich die Klinke loszulassen und ging in die Küche. Aber jeder Schritt fühlte sich so fremd an. Ich stützte mich auf die Arbeitsplatte und senkte meinen Kopf.
“Nicht schon wieder.”
Die Worte blieben auf meiner Zunge hängen. Ich hatte sie nicht mal laut gesagt, aber sie waren in mir. Ich hatte einmal jemanden verloren. Zweimal… sogar. Aber das hier war anders. Ich konnte dieses Gefühl in mir nicht einordnen. Aber mein Instinkt sagte mir, dass ich sie auf keinen Fall drängen durfte. Oder anfassen. Aber auch nicht wegsehen.
Was, wenn ich wieder zu schwach wäre. Wenn ich wieder versagen würde. Diese Worte hallten in meinem Kopf und ich wusste nicht einmal warum. Ich atmete tief durch. Dann ging ich wieder in den Flur. Langsam. Ich setzte mich auf die Bank, die schräg gegenüber der Tür stand. Mein Blick zur Zimmertür gerichtet. Sie öffnete sich nicht. Ich legte meine Ellbogen auf den Knien ab und legte die Hände in den Nacken. Ich wusste nicht, ob es richtig war hier zu sitzen. Aber ich wusste auch nicht, ob es richtig war woanders zu sein. Die Uhr an der Wand tickte. Wurde immer lauter. Ich hörte etwas. Wie vorsichtige Schritte. Langsam bewegte sich die Türklinke nach unten. Ein Zögern. Dann öffnete sich die Tür ein Spalt. Ängstliche Augen blitzten hervor. Ich machte keinen mucks. Schaute nicht direkt hin, um sie nicht zu erschrecken. Ich hielt den Atem an. Der Spalt vergrößerte sich. Langsam. Vorsichtig. Ihre Augen huschten prüfend hin und her. Ich sah es nur im Augenwinkel. Dann öffnete sich die Tür sich noch weiter. Die Diele knarzte. Sie schreckte leicht zurück. Rührte sich für einen Moment nicht mehr. Ich spürte ihren Blick auf mir. Sie beobachtete mich. Meine Finger zitterten, aber ich ließ es mir nicht anmerken. Ich wusste nicht, wie lang dieser Moment anhielt. Zwei Sekunden? Zwei Minuten? Dann machte sie einen Schritt nach vorne. Ganz langsam. Und noch einen. Bis sie komplett im Flur stand. Die Finger zupften leicht an den Bandagen. Ich hob meinen Kopf nicht. War einfach nur da. Mit ihrem Blick auf mir gerichtet.
Ich hörte ihren flachen Atem. Sie lehnte sich an die Wand. Sie bewegte ihren Kopf, als würde sie jeden Fluchtweg berechnen. Ich zwang mich nichts zu sagen. Ich spürte meinen Puls in der Brust, als würde er explodieren. Sie bewegte sich. Nur ein kleines Stück. Hielt die Wand mit ihrer Hand fest.
“Wo… wo bin ich?”, fragte sie. Leise. Kaum hörbar.
Meine Schultern spannten sich an. Nicht, weil ich nervös war. Vielleicht… vielleicht doch ein bisschen. Aber vielmehr, weil ihre Stimme so leise war. Es zerriss mir fast das Herz.
“In Sicherheit.”, sagte ich, fast flüsternd. Ich wagte es nicht, meinen Kopf zu heben. Noch nicht.
Ein Motor heulte auf. Durchbrach die Stille Dann ein kurzes Brausen – ein Auto, das draußen vorbeizog. Sie zuckte zusammen. Einen Schritt Rückwärts. In Richtung der Türe. Dann einen zweiten. Sie blieb stehen. Zögernd. Beobachtend.
“In… Sicherheit…”, murmelte sie.
Ich wusste nicht, ob sie das zu sich selbst sagte. Aber ihr Atem wurde ruhiger. Nur ein kleines bisschen. Vorsichtig setzte sie sich auf den Boden. Die Beine zusammengezogen und die Arme um sich geschlungen. Ich drehte mich leicht um. Ganz vorsichtig Nur ein kleines Stück weg von ihr, dass sie sich weniger bedrängt fühlte.
“Warum… bin ich hier?” Ihre Stimme war Brüchig, wie feines Glas.
Sagte sie es zu mir? Zu sich selbst? Ich wusste nicht, ob ich antworten sollte. Und was sollte ich ihr überhaupt sagen? Dass ich sie verletzt gefunden hatte? Sie nicht sterbend zurücklassen wollte? Mein Körper spannte sich an. Ich drehte meinen Kopf ganz leicht. Nur so, dass sie mein Profil sehen konnte.
“Weil du es überlebt hast.”, sagte ich schließlich.
Es war das einzige, was sich irgendwie passend anfühlte. Und irgendwas an diesem Satz… ließ sie nicht zurückweichen. Sie sah mich an. Für einen winzigen Moment. Und ich erkannte etwas in ihrem Blick. Etwas… wie ein Echo. Ich atmete aus. Langsam. Vielleicht war das genug für heute. Vielleicht war nur das schon mehr, als ich erwarten durfte. Ich lehnte mich mit dem Rücken gegen die Wand. Sie war immer noch da. Und ich… ich würde nicht gehen. Nicht diesmal.
Ich wusste nicht genau, wie lange wir hier saßen. Still. Vorsichtig. Ich wusste nur, dass das Zittern meiner Hände schwächer geworden war. Die Anspannung legte sich leicht. Nicht viel. Nur ein kleines Stück. Dann richtete sie sich langsam auf. Ein prüfender Blick in meine Richtung. Und sie machte ein paar Schritte nach vorne. Der Boden knarzte unter ihren Füßen. Diesmal zuckte sie weniger. Ein kurzes Zögern. Dann ging sie ins Wohnzimmer. Ich blieb hier sitzen. Rührte mich kein Stück.
KIRA
⛧⛧⛧
Ich trat in den Raum. Einen Fuß nach den anderen. Es war still. Zu still. Ich roch das Leder. Eine Couch. Daneben stand ein kleiner Holztisch. Ich ging an ihm vorbei und ließ meine Hand darüber gleiten. Das Holz fühlte sich fremd an. Leicht uneben. Aber nicht gefährlich. Dann sah ich das Fenster. Direkt vor mir und ich näherte mich. Schleichend, wie ein Tier, das sich auf jede Gefahr vorbereitete. Ich schaute heraus. Die Sonne stand tief. Draußen war ein Parkplatz zu sehen. Aber nur ein Auto. Ein schwarzes. Und dann eine Silhouette. Ich schrecke zurück. Wie ein Instinkt. Als dürfe ich nicht gesehen werden. Ich drehte meinen Kopf nach links. Neben mir stand ein großer Holztisch mit mehreren Zetteln darauf. Ich sah die Schrift, aber die Wörter verblassten. Ich erkannte nichts darin. Dann drehte ich mich um. Da war eine Küche. Halboffen. Helle Fliesen und da hingen… Messer. Mein Atem stockte. Ich erstarrte. Messer. Sie hingen da einfach. die Klingen reflektierten das Sonnenlicht. Ein Stich im Hinterkopf. Ich sah sie. Runen, die in Fleisch geritzt wurden. Das Blut, das die Arme runterrinn. Der Schmerz. Es brannte. Ich zog die Schultern hoch. Ich lehnte mich ein wenig nach vorne. Meine Finger umfassten die bandagierten Arme. Ich wusste nicht, was da in mir aufblitzte. Aber ich war wie gelähmt. Der Geruch von Blut und Metall. Es fühlte sich so real an, dass mir schwindelig wurde.
“Nein…” Ich wusste nicht, ob ich es laut aussprach oder nur dachte.
Aber irgendetwas in mir erinnerte sich. Nur ganz kurz. Wie ein Aufblitzen, das direkt wieder verschwand. Aber das Zittern blieb. Mein Blick suchte nach etwas anderem. Etwas, das keine Messer waren. Dann ein Schatten im Augenwinkel. Er stellte sich vor mich. Mit großem Abstand, aber zu mir gewandt. Er schaute mich nicht direkt an. Ich starrte auf seinen schwarzen Pullover. Meine Schultern sanken. Ich atmete tief durch. Er stand einfach nur da. Sagte nichts. Bewegte sich nicht. Bedrängte mich nicht.
Ich trat einen Schritt zurück. Dann ging ich zur Couch. Vorsichtig. Ich setzte mich. Das Leder war kalt auf meiner Haut. Aber nicht hart, wie Beton. Es war weich. Ich zog meine Füße an mich und legte den Kopf in meine Arme. Für eine Weile saß ich einfach da. Mein Kopf leer. Es war still. Der Mann stand immer noch da hinten. Machte keinen Mucks. Als würde er den Atem anhalten. Ich versuchte mich zu erinnern. An das, was passiert war. An mich. Aber da war nur Nebel in meinem Kopf. Dieser Satz hallte in meinem Kopf. Wie ein Echo aus der Vergangenheit.
“Weil du überlebt hast.”
“Er sagte das auch..” Ein Flüstern. Das einfach aus mir herauskam. Es war mehr ein Gefühl. Ich wusste nicht einmal, wen ich damit meinte.
NERO
⛧⛧⛧
Die Sonne war schon lange untergegangen und ich konnte einfach nicht schlafen. Nicht wenn jemand wie sie auf meiner Couch zusammengekauert saß. Ich hatte mich im Flur auf dem Boden Boden gesetzt. Mein Rücken zur Wand gelehnt und die Beine locker angewinkelt. Meine Hände hingen dazwischen. Ohne Ziel, ohne Bewegung. Die Wohnzimmer Tür war angelehnt. Mein Blick leicht gesenkt, aber ich konnte durch den Spalt auf die Couch schauen. Sie lag da. Ich wusste nicht, ob sie wach war oder schlief. Die Bilder kamen wieder hoch. Wie sie da draußen lag. Verletzt bewusstlos. Und diese Runen…
Mein Nacken spannte sich an. Ich dachte an das, was wir in der verlassenen Fabrik gesehen hatten. Spuren von einem Ritual. Blut. Menschenopfer. Dieser Dämon ging mir auch nicht aus dem Kopf. Azazel nannten sie ihn. Ich kannte ihn. Von Geschichten. Diese Augen… wie bittersüßes Gold, das vertraut war. Er grinste mich an, als würde er mich kennen. Ich wusste nicht warum, aber etwas in mir regte sich, als ich ihn sah. Nur deshalb. Nur weil ich zögerte, ist er uns entwischt. Ich verkrampfte meine Hände. Dann atmete ich tief durch.
Mein Blick wanderte auf den Rucksack. Ich griff nach ihm und holte die Zettel heraus, die wir dort gefunden hatten.
Sie rochen nach Ruß, Schwefel und waren blutverschmiert. Ich blätterte sie durch. Das meiste davon waren irgendwelche Runen oder in einer alten Sprache geschrieben. Mein Blick wanderte immer wieder zur Couch. Sie regte sich nicht. Dann blätterte ich weiter. Dann stieß ich auf einen Zettel, der teilweise in unserer Sprache verfasst war. Manche Stellen waren unleserlich, verwischt oder blutverschmiert.
Tag 3871
… Ritual … gescheitert … neuen Versuch.
… Mephistopheles … keine Kontrolle …
WIR BEGINNEN ERNEUT
Schutzkreis beschädigt … neue Handschellen …
… Runen unterdrücken es …
Tag 4786
Erfolg … neuer Test … vielversprechend
Azazel übernimmt … Zwillinge …
RITUAL GESCHEITERT
… inkompatibel
Tag 5123
Viele Opfer … vier Überlebende
… Teilweise … Erfolg …
Ritual beginnen … gescheitert
Kontrolle schwankend … neuer Versuch
Mephistopheles übernimmt Aufsicht erneut
STANDORTWECHSEL
… rote Haare … vielversprechend … Kontrolle
Mein Atem stockte. Ich legte die Blätter zur Seite. Mein Blick wanderte ins Wohnzimmer. Zu ihr. Was hatten sie ihr nur angetan? Wie lange gingen diese Rituale schon? Verdammt wir haben keine Ahnung, was da vor sich ging. Sie planten schon viel länger, als uns bisher bewusst war.
Was waren das für Tests?
Bisher kamen wir immer zu spät und haben nur die Überbleibsel ihrer grausamen Rituale gefunden. Es gab vielleicht weit mehr Opfer, als wir bisher ahnten. Verdammte Scheiße, diese Höllenbrut war uns immer einen Schritt voraus. Dann schaute mir die Fotos an, die wir in der Fabrik gemacht hatten. Blutverschmierter Boden und an den Wänden diese Runen.
Das waren dieselben, wie die eingeritzten Runen auf …
Ich schluckte zweimal – legte die Fotos beiseite. Vielleicht war sie kein Mensch mehr, vielleicht war sie gefährlich. Aber in diesem Moment war sie nur ein verletztes Mädchen, das beschützt werden musste.
Beschützen. Warum eigentlich?
Es fühlte sich an, als durfte ich diesmal auf keinen Fall versagen, als hätte ich schon einmal versagt. Ich ballte meine Hände zu einer Faust. Wut staute sich auf. Ich wollte diesen elenden Mistkerlen so richtig in den Arsch treten. Ich lehnte meinen Kopf an der Wand an. Ich war müde. Mein Nacken schmerzte. Aber an Schlaf war nicht zu denken. Ein paar Stunden mussten vergangen sein. Mein Kopf hing schwer nach vorn, der Nacken Steif. Meine Augen waren geschossen, aber ich war wach. Zu wach, um zur Ruhe zu kommen. Ich hörte ein leise Knautschen von Leder. Sofort hob ich den Kopf. Mein Blick wanderte zur Couch. Sie hatte sich bewegt. Ihr Kopf hob sich, wie im Halbschlaf. Ihre Augen suchten den Raum ab. Tastend, lauernd. Dann fanden sie mich. Ich bewegte mich nicht, sah sie nicht direkt an. Ich beobachtete sie nur aus dem Augenwinkel. Still. Das Licht war schwach. Der Mond warf einen schmalen Schimmer durch das Fenster. Zu wenig, um ihr Gesicht zu erkennen. Aber ich spürte ihren Blick. Wachsam wie ein Tier, das prüft, ob es in Sicherheit ist. Oder nur in der nächsten Falle sitzt. Dann legte sie sich hin. Ganz langsam. Ihre Bewegungen waren vorsichtig und kontrolliert. Ihr Blick war zur Seite gerichtet. Weit genug zu mir, um zu zeigen, dass sie mich nicht aus den Augen lassen wollte. Ich rührte mich nicht. Nicht mal ein Zucken. Ich blieb einfach sitzen, wie ein Schatten an der Wand. Dann sah ich, wie sich ihre Augen schlossen. Ganz langsam. Diesmal blieben sie zu. Ein Atemzug löste sich aus meiner Brust. Kein Wort, Kein Gedanke. Nur ein Gefühl von Erleichterung.