➤ Triggerwarnung ✦ Diese Geschichte enthält sensible Themen wie psychische und körperliche Gewalt, Andeutungen sexualisierter Gewalt, Zwang, Selbstverletzung und traumabezogene Inhalte. Es thematisiert den Verlust von Kontrolle, Identität und Würde unter extremen Bedingungen. Bitte lies mit Achtsamkeit – besonders, wenn du selbst Erfahrungen mit diesen Themen gemacht hast. Diese Geschichte erzählt von Schmerz. Aber auch von Überleben.
➤ Prototyp ✦ Dieser Text ist in seiner Rohform und kann deswegen noch Schreibfehler, Grammatikfehler oder Sonstiges beeinhalten.
Der Geruch von Blut
NERO
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Ich schreckte auf. Bin ich eingeschlafen? Langsam öffnete ich meine Augen. Die Morgensonne hüllte das Wohnzimmer im sanftes Licht. Ich dehnte meinen Nacken. Er war verspannt und meine Schultern schmerzten fürchterlich. Aber das war mir egal. Ich schaute zur Couch rüber. Sie hatte sich mit dem Kopf in meine Richtung gelegt. Aber ihre Augen waren geschlossen. Ich unterdrückte ein Gähnen und richtete mich langsam auf. Alles drehte sich und ich hielt mich für einen Moment an der Wand fest. Dann setzte ich mich auf die Bank und atmete tief durch. Diese Unruhe machte mich wahnsinnig. Es fühlte sich an, als würde ich jeden Moment explodieren. Ich rieb mir das Gesicht und ging dann ins Wohnzimmer. Jeder Schritt, als wäre er genauestens einstudiert. Das Handy lag noch auf dem Esstisch. Ich nahm es in die Hand und starrte es an. Meine Hand zitterte leicht. Ich versuchte es zu unterdrücken. Die ganze verdammte Müdigkeit. Dann sah ich eine Nachricht von Jack, die ich gestern übersehen hatte.
“Hey Nero. Hoffe es geht dir gut, man. Yuki macht sich sorgen. Ich hätte da einen Job in der Nähe…”
Das war genau das, was ich gerade brauchte. Ich musste raus. Einen Job erledigen. Einem Dämon ordentlich in den Arsch treten. Vielleicht würde mir das helfen etwas runterzukommen. Jack schrieb, dass in der Nähe in einer alten Scheune Schatten gesichtet und zwei Menschen vermisst wurden. dazu noch deutliche Zeichen von dämonischer Aktivität. Ich überlegte nicht lange und antwortete Jack. “Ich kümmere mich darum.”
Mein Blick huschte über die Couch. Vielleicht sollte ich ihr einen Zettel schreiben, dass sie wusste, dass ich wiederkommen würde. Ich ging in die Küche, bereitete nochmal Apfelscheiben vor und schnitt noch anderes Obst dazu. Ich stellte den Teller und ein neues Glas Wasser vorsichtig auf den Couchtisch. Dazu legte ich einen kleinen Zettel mit der Notiz “Bin später wieder da. Das Essen ist für dich, wenn du willst.”
Dann ging ich in den Flur, zog meine dunklen Stiefel an und trat vor die Kommode. Die Pistole lag noch genau so, wie ich sie zurückgelassen hatte. Ich nahm sie vorsichtig in die Hand. Der Griff war mir vertraut, wie ein verlängerter Teil meiner Hand. Ich zog das Magazin heraus und zählte automatisch die Patronen. Acht Stück. Sie waren vollständig. Jede einzelne mit einem eingeritzten Pentagramm an der Spitze. Sie würden nicht töten. Aber sie würden ihn schwächen. Und das war alles, was ich brauchte. Ich schob das Magazin zurück. Ein leises Klicken. Dann befestigte ich sie an meinem Gürtel.
Schließlich öffnete ich die Schublade der Kommode. Da lag er – mein Dolch. Der dunkle Griff war verziert mit silbernen Elementen und die Klinge schimmerte im Licht, als würde sie die Dunkelheit selbst einfangen. Seelenstahl. Das Einzige, was diese verdammte Höllenbrut töten konnte. Ich fuhr mit dem Finger über die eingeritzten Runen. Manche von mir selbst eingeritzt und manche von ihnen waren… älter. Die Runen verschwammen für einen Augenblick. Ich blinzelte zwei mal. Dann sah ich sie wieder klar. Ich führte den Dolch zum Rücken und schob ihn waagrecht in die Lederscheide direkt unter meinem Gürtel. Ein Griff, ein Zug. Mehr war nicht nötig.
Dann zog ich meine Jacke an. Sie war nicht mehr neu und sah aus, als hätte sie schon viele Kämpfe hinter sich. Dunkles Leder. Leicht rau, aber auch irgendwie beruhigend, wenn man mit dem Finger darüber strich. Da stand ich nun. Mit meinen beiden Waffen und mit dieser Kälte im Bauch. Ich packte den Schlüssel ein und trat zur Tür. Mein Blick streifte durch den Flur. Für einen Moment blieb ich stehen. Dann atmete ich tief durch und ging.
Das schwarze Auto stand wie ein Schatten auf dem Parkplatz. Es war breit, kantig und alt. Wirkte nicht wie ein Stadtwagen. Mein Auto hatte schon viele nervenaufreibende Fahrten hinter sich. Der Lack war teilweise stumpf, hier und da ein Kratzer. Aber es war ein treues Gefährt.
Die Tür quietschte leicht beim öffnen und ich setzte mich rein. Der vertraute Geruch vom Leder half mir, mich etwas zu fokussieren. Dennoch gingen mir die Bilder der Rituale und der Runen nicht aus dem Kopf. Wie auf Autopilot geschaltet fuhr ich durch die Stadt. Bei einem kleinen Drogerieladen blieb ich stehen. Ich besorgte ein paar Dinge, wie Shampoo, Haarbürste und was Frauen so brauchen könnten. Ich kannte mich nicht so richtig aus, was sie brauchen könnte und griff instinktiv nach dem, was sich richtig anfühlte. Dann nahm ich mir noch eine Flasche Wasser aus der Kühltruhe und einen Müsliriegel. Die Kassiererin schaute mich ganz komisch an. Kein Wunder. Ich hatte Augenringe des Todes und war wahrscheinlich auch total blass. Aber das interessierte mich nicht.
Ich warf die Tüte mit den Sachen in den Kofferraum und trank einen großen Schluck vom kalten Wasser. Es fühlte sich an, als würde ich etwas Energie tanken, obwohl es nur stinknormales Wasser war. Dann aß ich den Müsliriegel. Er schmeckte nach nichts, außer dass er irgendwie zu süß war. Dann setzte ich mich ins Auto und fuhr zu der verlassenen Scheune.
Während dem Autofahren merkte ich, wie mein Kopf immer wieder abdriftete. Ich musste mich ständig bewusst zurückholen. Die Fahrt fühlte sich wie eine Ewigkeit an, als würde ich nie ans Ziel ankommen. Als ich dann endlich doch angekommen war, parkte ich etwas abseits. Die Scheune lag am Rande eines kleinen Waldes. Drumherum waren große Felder und sonst nichts. Ein guter Ort, um als Dämon nicht direkt aufzufallen. Ich näherte mich vorsichtig. Das Holz der Scheune wirkte verwittert, aber sie war noch gut in Schuss. Nur die Tür war etwas schief im Rahmen. Ich zog meine Pistole und näherte mich der Tür. Es war fast so, als würde ein dunkler Schatten die Scheune umhüllen. Ein mulmiges Gefühl breitete sich in mir aus. Aber ich war auf alles gefasst. Meine Finger zitterten leicht, als ich den Griff der Waffe fest in der Hand hielt. Jeder Schritt fühlte sich schwer an. Ich öffnete langsam die Tür. Ich sah Heuhaufen, Holztrümmer und… Blut. Der Boden war mit Blutspuren bedeckt. Ich schaute mich um. Es war nichts zu sehen. Aber ich spürte einen Blick auf mir. Beobachtend. Lauernd.
Ich trat ein.
Weiter vorne sah ich einen Schuh hinter dem Heu. Vorsichtig trat ich näher heran. Zwei Menschen lagen in der Ecke. Kleidung und Haut mit Blut beschmiert. Ich näherte mich zügig, aber den Blick aufmerksam auf jede mögliche Gefahr. Dort lagen ein Mann und eine Frau. Schätzungsweise mittleren Alter. Ich fühlte ihren Puls. Sie lebten beide noch. Dann spürte ich es. Hinter mir. Wie ein Schatten, der sich mir ganz langsam näherte und sich an meinen Rücken haftete. Ich drehte mich um. Aber da war niemand. Dann sah ich ihn. Oben an der Decke. Ein Schatten mit einem Tierschädel als Gesicht. Die purpurfarbenen Augen leuchteten und starrten mich an, als wäre ich die nächste Beute. Ich schoss auf ihn. Aber ich reagierte zu spät. Er war bereits auf dem Weg zu mir und ich konnte seinen Bewegungen kaum folgen. Verdammte Müdigkeit. Ich schoss wieder auf ihn. Schon wieder verfehlt. Der Dämon schlich um mich herum. Sein tiefes Lachen war in jeder Ecke der Scheune zu hören. Ein eiskalter Schauer lief mir den Rücken herunter. Ich drehte mich um.
Wo war er hin? Heu wirbelte auf. Ich schaute mich um. Dann sah ich ihn. In der einen Ecke. Er spielte mit mir. Ich zog meinen Dolch. Er rannte auf mich zu. Ich wollte ausweichen und verlor das Gleichgewicht. Er traf mich an der Schulter. Ich spürte das Blut herunterlaufen.
“Hör auf mit den Spielchen du verdammter Mistkerl!” schrie ich.
Er versteckte sich wieder. Dann griff er von hinten an. Diesmal konnte ich gerade so ausweichen und traf ihn mit dem Dolch. Er zischte laut und sackte dann auf den Boden. Es war nicht mal ein starker Dämon. Ich stach noch mal auf ihn ein. Dann noch mal und noch mal. Bis nur noch der Totenschädel von ihm übrig blieb.
Für eine Weile stand ich einfach nur da. Mit dem Dolch in der Hand. Der Blick auf den Schädel gerichtet. Meine Knie wollten fast nachgeben. Mir wurde für einen kurzen Moment schwarz vor Augen. Aber ich kämpfte dagegen an.
Ich wusste nicht, wie lange ich dort stand. Vielleicht waren es nur ein paar Sekunden. Vielleich waren es auch ein paar Minuten. Es war mir egal. Alles drehte sich. Dann hörte ich Stimmen. Verdammt, die beiden Menschen waren noch hier. Ich ging zu ihnen und die Frau weinte. Der Mann schaute mich ängstlich an, als würde ich der nächste sein, der auf ihn los gehen würde.
“Es ist vorbei. Er ist tot.”, sagte ich mit leicht zittriger Stimme.
Ich fuhr die beiden ins Krankenhaus. Sie waren zum Glück nicht stark verletzt. Aber ehrlich gesagt… war es mir in dem Moment auch völlig gleichgültig. Ich setzte mich wieder ins Auto. Starrte meine Hände an. Ich sah sie schon fast doppelt. Dann nahm ich einen Schluck vom Wasser und fuhr los. Als ich am Parkplatz ankam, konnte ich mich nicht mal mehr an die Fahrt erinnern. Es war, als wäre ich plötzlich hier aufgetaucht. Oder als wäre ich nie losgefahren. Ich nahm die Tüte aus dem Kofferraum und schleppte mich zur Haustür. Ich fand den richtigen Schlüssel kaum. Als ich hereintrat, stolperte ich fast über die Fußleiste an der Tür. Im Wohnzimmer angekommen, war mein Blick als erstes bei der Couch. Sie war nicht hier. Ich schaute mich um. Ich sah sie nicht mehr. Mein Puls ging schneller. Ich legte die Tasche ab und schaute im Flur nach. Keine Spur. Im Schlafzimmer. Da war sie auch nicht. Dann hörte ich etwas. Wie ein Klimpern von Geschirr. Ich ging zurück ins Wohnzimmer. Dann schaute ich in die Küche herein. Da saß sie. Zwischen den Schränken auf dem Boden. Sie war in der Decke eingehüllt und der leere Teller und die Schüssel mit den halb aufgegessenen Nüssen standen neben ihr. Mein Atem beruhigte sich direkt. Sie war noch da. Und es ging ihr gut. Sie hatte sogar etwas gegessen. Als sie mich sah, zog sie die Decke schützend über sich. Meine Schritte wurden immer schwerer. Als ich die Tüte neben die Couch stellen wollte, gaben meine Knie nach. Ich kämpfte dagegen an, aber alles drehte sich. Schließlich sackte ich zusammen.
KIRA
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Ich hörte es. Das Klimpern von Schlüsseln. Ich zuckte sofort zusammen. Zog die Decke weiter über mich. Ich hatte mich in der hintersten Ecke der Küche verkrochen. Wie in einer Falle. Ich hörte die schweren Schritte seiner Stiefel und sie kamen näher. Ein dumpfes Geräusch, als würde er etwas abstellen. Aber er kam nicht zu mir. Die Schritten wurden leiser. Er lief im Haus herum. Jeder Schritt im gleichen Rhythmus. Dann kam er wieder näher. Ich sah den Schatten im Wohnzimmer. Er schaute in die Küche rein. Mein Puls stieg an. Ich zog die Decke weiter über mich. Würde er mich jetzt bestrafen, weil ich hier gegessen habe? Ich sah sein Blick im Augenwinkel. Aber er sah nicht bedrohlich aus. Er ging einfach wieder, ohne ein Wort zu sagen. Ein dumpfer Knall. Ich zuckte zusammen. Ich zog die Decke so weit über mich, dass nur noch mein Kopf rausschaute. Dann hörte ich nichts mehr. Keine Schritte, keine Stimme. Einfach… Stille. Ich saß für einen Moment einfach da ohne mich zu regen. Denn ich war bereit, dass er jeden Moment zu mir kommen könnte. Aber er kam nicht. Ich wusste nicht, wie viel Zeit vergangen war. Aber es war lang genug, dass ich mir nicht mal sicher war, ob er noch da war. Langsam tastete ich mich aus der Küche heraus. Geduckt und in der schützenden Decke eingehüllt. Ich schaute leicht an den Schränken vorbei und dann sah ich ihn. Er saß nicht auf der Couch. Er saß daneben, auf dem Boden. Kopf gesenkt dein braunes Haar fiel ihm über die Augen. Ich sah nicht, ob er die Augen geschlossen hatte oder nicht. Aber er sah anders aus. Erschöpft und nicht wie jemand, der grausam war. Er war anders, als die anderen. Er war… einfach nur da. Irgendetwas zog mich zu ihm. Vielleicht war es meine Neugier oder einfach mein Wahnsinn. Vorsichtig tastete ich mich ins Wohnzimmer. Ich klammerte meine Finger fest in die Decke. Ein Schritt nach dem anderen. Der metallische Geruch… Blut. Ich erstarrte. Mein Herz raste. Mein Blick wanderte ganz langsam zu der Gestalt, die vor der Couch saß. Dann sah ich es. Der dunkle Fleck, der sich an seiner Jacke ausgebreitete hatte. Das Blut kam von ihm.
Mein Magen zog sich zusammen. War er tot? Oder schlief er nur? War er bewusstlos? Was sollte ich jetzt tun?
Ich wollte weglaufen. Ich wollte mich umdrehen und einfach rennen. Irgendwas. Aber ich konnte nicht. Ich blieb einfach stehen. Meine Knie wurden weich. Meine Hände zitterten. Ich trat einen Schritt näher heran. Uns trennten nur noch wenige Meter. Meine Knie gaben nach und ich sackte auf den Boden. Ich starrte auf den dunklen Fleck an der Jacke – auf sein bleiches Gesicht. Der Geruch von Blut… er war so vertraut. Und doch war er anders. Ich robbte ein stück näher heran.
“Warum…”, murmelte ich. Meine Stimme kaum mehr, als ein kratzen.
Ich wusste nicht einmal, ob ich ihn damit meinte oder mich selbst. Meine Hand griff nach ihm. Zitternd und zögernd. Dann senkte ich sie wieder. Und saß einfach vor ihm. Sein Atem war flach. Kaum hörbar, aber er atmete. Etwas in mir lockerte sich. Die Schatten unter seinen Augen. Er wirkte nicht wie jemand, der böse war. Sondern wie jemand, der gefallen war. Jemand der selbst irgendwie… kaputt war.
Seine Finger zuckten. Ich schreckte leicht zurück. Aber ich blieb da. Rührte mich nicht vom Fleck und ich wusste nicht einmal warum. Mein Körper tat nicht das, was er sonst immer tat. Erstarren, fliehen oder verstecken. Etwas hielt mich hier. Vielleicht war es nur das Zittern seiner Hände. Vielleicht war es auch, dass er anders war, als die anderen. Er schrie nicht, er forderte nicht und er bestrafte nicht. Er war anders. Und zum ersten mal fühlte es sich an, als müsste ich mich nicht verstecken.
NERO
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Mein Kopf hämmerte. Mein Körper war schwer. Der Boden kalt. Ich konnte mich nicht bewegen. Mir fehlte die Kraft. Verdammt. Bin ich zusammengebrochen? Meine Schulter fühlte sich taub an. Alles was ich dort fühlte, war die Nasse Kleidung – das Blut. Ich wollte mich bewegen, aber meine Finger zuckten nur. Ich spürte, dass da jemand war. Nicht weit entfernt von mir. Ich spürte den Blick, der auf mir lag. Dann hob ich den Kopf – ganz leicht. Sie saß vor mir. Nicht zu nah, aber nah genug. Es drehte sich noch alles. Sie hatte die Decke noch immer um sich gewickelt – wie ein verletztes Tier. Aber sie war noch da und in ihrem Blick sah ich mehr, als nur die Angst. Da war dieser kleine Funke, den ich nicht benennen konnte. Meine Brust zog sich zusammen. Sie hätte weglaufen können, sich verstecken können, aber sie tat es nicht.
“Du bist… noch da.”, wisperte ich. Meine Stimme schwach und zittrig.
Die Stille umgab uns. Meine Glieder waren taub, aber ich konnte langsam wieder klar sehen. Mein Schädel pochte wie verrückt. Und dann hörte ich sie einatmen, als wollte sie etwas sagen. Dann wieder Stille.
“Du bist nicht… wie die anderen. Warum…?”, Ein leises, verletztes Flüstern.
Diese Worte trafen mich mitten ins Herz. Verdammt. Ich wusste nicht, was ich darauf sagen sollte. Dass es stimmte? Dass ich sie nicht verletzen würde? Nein, das war alles zu viel. Ich atmete langsam ein. Alles in mir war schwer. Meine Lippen öffneten sich kaum merklich.
“Weil ich eben so bin.”, murmelte ich. Mir fehlte die Kraft, um lauter zu sprechen.
Ihr Blick senkte sich, als hätte sie die Antwort nicht erwartet – oder verdient. Aber sie sagte nichts. Und sie rührte sich nicht von der Stelle.
Ich versuchte mich aufzurichten. Meine Schulter brannte und mein Körper rebellierte. Ich stützte mich auf dem Couchtisch ab und ließ mich auf der Couch nieder. Sie beobachtete jede meiner Bewegungen. Nicht aus Furcht. Eher wie ein verängstigtes Tier, das langsam Vertrauen schöpfte. Die Lehne drückte sich in meinen Rücken. Ich spürte noch das Blut auf meiner Kleidung.
“Ich muss… die Wunde versorgen…”, murmelte ich. Mehr zu mir, als zu ihr. Aber sie nickte, kaum merklich.
Für einen Moment saß ich auf der Couch. Lehnte meinen Kopf leicht zurück. Aber ich durfte noch nicht einschlafen. Nicht jetzt. Ich versuchte aufzustehen, ganz langsam. Ich spürte meine Beine kaum. Die Jacke zog ich an Ort und Stelle aus und ließ sie auf den Boden fallen. Dann schleppte ich mich irgendwie ins Bad. Jeder Schritt zehrte an meinen Kräften.
Mit zitternden Fingern holte ich den Verbandskasten heraus. Verbände, Nadel und Faden. Es war alles da. Ich desinfizierte die Wunde – biss die Zähne zusammen. Sie war nicht tief, aber genug, dass sie genäht werden musste. Also setzte ich an. Stich für Stich. Die Nadel zitterte in meinen Fingern. Jeder war eine Überwindung, aber ich zog es durch. Ich hatte keine Kraft den Kasten aufzuräumen, also ließ ich ihn da liegen. Halb verschlossen. Dann richtete ich mich vorsichtig auf und betrachtete mich im Spiegel. Augenringe, die so tief waren, als wäre ich der Tod höchstpersönlich und genau so bleich war ich.
“Du siehst echt scheiße aus.”, murmelte ich zu mir selbst und schleppte mich dann zur Couch. Sie saß immer noch da. Still. Beobachtend. Ich setzte mich auf die Couch und lehnte mich zurück. Mein Körper pochte. Meine Gedanken waren nicht mehr, als ein weißes Rauschen. Ich würde nur kurz die Augen schließen. Nur für einen kurzen Moment. Dann schlief ich ein.
KIRA
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Ich beobachtete ihn die ganze Zeit. Jeden Schritt. Er wirkte wie ein verletztes Tier, das sich nach einer Jagd ausruhen musste. Und das tat er. Auf der Couch. Da wo ich geschlafen hatte. Der einzige Ort, an dem ich mich sicher fühlte. Ich blieb noch einen Moment sitzen. Seine Jacke lag neben mir. Blutig, und doch… Zwischen Metall und Blut war da noch ein anderer Geruch. Fremd und doch irgendwie… vertraut. Ich starrte auf die Jacke. Sie war an der Schulter eingerissen. Dann schaute ich wieder zu ihm hoch. Da wo das Blut war, hatte er einen Verband. Das Blut kam schon leicht durch. Dann starrte ich auf meine Unterarme. Diese Verbände… hatte er mir angelegt. Ich strich mit dem Finger über die Verbände. Ich spürte die Unebenheiten – jede einzelne. Ich wusste nicht, was sich darunter verbarg und ich wollte es auch nicht wissen. Noch nicht. Langsam drehte ich meinen Kopf und schaute in die Küche. Auf dem Tresen stand eine Schale mit Obst. Darauf lag eine Banane. Ich wusste nicht warum, aber irgendwas in mir zwang mich aufzustehen. In die Decke gehüllt, schlich ich vorsichtig in die Küche.
Erst zögerte ich. Dann nahm ich die Banane. Ich huschte wie ein Schatten über die Dielen zum Couchtisch. Da lag noch der Zettel von ihm. Ich legte die Banane vorsichtig auf den Tisch. Meine Blicke wanderten immer wieder zu ihm, aber der rührte sich nicht. Dann drehte ich den Zettel um, nahm den Stift, der dort lag und schrieb.
“Für dich, wenn du willst.” Meine Hände zitterten beim schreiben, aber ich schrieb den Satz bis zum Ende. Dann legte ich vorsichtig die Banane daneben. Ich war mir nicht sicher, was ich da überhaupt machte. Vielleicht sollte ich das hier gar nicht tun. Ich ließ die Hand leicht über der Banane schweben. Vielleicht sollte ich sie einfach zurücklegen. Dann schaute ich wieder zu ihm. Und irgendwas in mir entschied sich dann, die Banane doch liegen zu lassen, Ich zog mich zurück. Leise und vorsichtig. Setzte mich in die Küche. So dass ich ihn im Blick hatte. Ich zog die Beine an, legte meine Arme darüber und zog die Decke über meinen Kopf – wie ein schützender Schleier. Dann legte ich den Kopf auf die Arme ab. Ich ließ ihn nicht aus den Augen. Nur weil er anders war… als die anderen… hieß es nicht, dass er nicht doch so war. Und es nur noch nicht zeigte. Aber gerade im Moment wirkte er nicht gefährlich.
Ich wusste nicht wie viel Zeit vergangen war. Nur, dass das Licht langsam weniger wurde. Die Sonne stand tief und hüllte das Wohnzimmer in goldenes Licht. Meine Lider wurden schwer. dann irgendwann… Dunkelheit.