➤ Triggerwarnung ✦ Diese Geschichte enthält sensible Themen wie psychische und körperliche Gewalt, Andeutungen sexualisierter Gewalt, Zwang, Selbstverletzung und traumabezogene Inhalte. Es thematisiert den Verlust von Kontrolle, Identität und Würde unter extremen Bedingungen. Bitte lies mit Achtsamkeit – besonders, wenn du selbst Erfahrungen mit diesen Themen gemacht hast. Diese Geschichte erzählt von Schmerz. Aber auch von Überleben.
KIRA
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Nackt wachte ich in einem düsteren Raum auf. Schwaches Licht fiel durch das kleine Sichtfenster der massiven Stahltür. Die kalten Betonwände, die schweren Ketten um meine Handgelenke und der metallische Geschmack von Blut auf meiner Zunge. Das alles war kein Traum, sondern die bittere Realität, die sich mein Leben nannte. Ich setzte mich langsam auf und lehnte mich an die Betonmauer. Sie war kalt, aber ich spürte es nicht mehr. Die Kälte war längst in mir. Wie Frost, dass sich tief in die Knochen gefressen hatte. Mein Blick war gesenkt. Ich starrte auf die blutverschmierten Ketten. Die abgewetzten Metallfesseln, die Spuren an meinen Armen hinterließen. Risse, die mehr sagten als Worte. Ich hatte keine Kraft mehr. Nur noch Leere. Ich schloss ich die Augen. Und für einen Moment wünschte ich mir, dass ich nie wieder aufwachen müsste. Dumpfe Schritte hallten durch den Flur. Gleichmäßig. Schwer. Jeder Tritt wie eine tickende Uhr. Ich öffnete meine Augen. Der Schatten an der Tür bewegte sich. Langsam. Bedächtig. Kein Zweifel – er kam näher. Seine Augen, blutunterlaufen, starrten mich durch das Glas an. Wie ein Raubtier, das seine Beute mustert. Ein lautes Klimpern. Die Schlüssel schlugen gegen die Tür. Ich hörte, wie sich das Schloss entriegelte. Für einen Atemzug wünschte ich mir, jemand anderes würde die Tür öffnen – jemand, der kam, um mich zu hier rauszuholen. Nicht er.
Aber er war es. Immer er.
Die Tür öffnete sich langsam – mit einem langgezogenen Quietschen. Dann trat er hinein. Und mit ihm die Finsternis. Sein Schatten kroch über die Wände. Breit, massiv, unaufhaltsam. Glühende Augen wie loderndes Feuer. Pechschwarzes Haar, das ihm ins Gesicht fiel. Und diese Narbe – wie eingeritzt mit Hass. Es war Mephistopheles. Und ich verabscheute alles von ihm. Ich wollte wegschauen, aber seine feurigen Augen bohrten sich tief in meine Seele. Ich wollte schreien, wollte wegrennen. Aber mein Körper gehorchte mir nicht. Er war die Manifestation von Grausamkeit. Ein Dämon getränkt von Macht und Sadismus. Und sein schwarzer Anzug ließ ihn wirken, wie das was er war. Eine riesige Schattenbestie. Er schnaubte und trat näher an mich heran. Seine bedrückende Aura umfasste mich, wie ein Umhang aus Furcht. Schwer, erstickend. Er beugte sich herab, streckte seine grobe, blutverschmierte Hand nach mir aus. Ich zog meine Schultern zusammen. Aber es half mir auch nicht. Er griff nach meinem langen roten Haar. Ein Ruck. Schmerz explodierte in meinem Nacken.
Ich wollte schreien, doch meine Kehle war wie zugeschnürt. Ein tiefes Knurren vibrierte durch seinen Brustkorb, als seine feuchte Atemluft mein Gesicht streifte. Ich presste die Augen zusammen, doch ich spürte seinen Blick. Gierig, abwertend, besitzergreifend. Dann seine Finger an meinem Kiefer. Hart. Unnachgiebig. Zeigefinger und Daumen drückten zu. Ein dumpfer, pochender Schmerz breitete sich aus. „Schau mich an.“, befahl er. Ich reagierte nicht.
„Schau mich an, du dreckiger Mischling!“ Seine Stimme peitschte durch mich hindurch.
Ich öffnete die Augen. Sein Gesicht verschwamm vor mir – rot, schwarz, schattenhaft.
„Du solltest dich heute besser anstrengen. Das letzte Mal hast du mich sehr enttäuscht“ Er zog mich näher zu sich.
Seine Stimme wurde leiser, aber giftiger. „Hast du verstanden?“ Ich brachte nur ein wimmerndes Keuchen hervor. Dann ließ er los – und ich fiel.
Der Aufprall auf den kalten Boden nahm mir die Luft. Und mit ihr, das letzte bisschen Würde. Der Schmerz hallte nach, wie dumpfer Donner, der unter der Haut bebte. Mephisto grummelte. Ein Kick gegen meine Magengrube ließ mich auf keuchen. Ich zog meine Gliedmaßen vor Schmerz an mich. Die Tür knallte zu. Ein Geräusch, wie ein Urteil. Und dann war alles still. Ich blieb liegen – regungslos. Die Schmerzen flachten langsam ab, aber es blieb nichts zurück.
Keine Trauer.
Kein Zorn.
Ich fühlte schon lange nichts mehr. Langsam, mit zitternden Gliedern, richtete ich mich ein Stück auf. Mein Blick fiel auf ein schmutziges Leinenhemd, das Mephisto achtlos zurückgelassen hatte. Es lag wie ein Hohn auf dem kalten Beton – ein Almosen, das mich bedecken sollte, als wäre damit alles gut. Ich zog es mir über, der Stoff rau auf der Haut, kratzig an den Schultern. Dann hörte ich es – das metallische Krachen von Stahl auf Stahl. Eine Tür nach der anderen schlug zu. Dumpf. Schwer. Ich kannte dieses Geräusch. Ich kannte den Rhythmus. Es war soweit. Wieder einmal. Wir wurden nacheinander im Flur gesammelt.
Ebony und Ivory gingen voran. Sie waren schon immer unheimlich. Zwillinge. Nie getrennt. Ebony mit ihrem pechschwarzen Haar, dass ihr halb ins Gesicht fiel und Ivory mit dem kurzen cremeweißen Haar. Sie schauten zu mir. Verächtlich. Dann kicherten sie. Dann spürte ich ihn. Zaagan kam dazu. Nun waren wir alle vollständig. Mehr blieb von uns nicht übrig. Nur wir vier. Wir wurden durch den Flur geführt. Zaagan ging voran. Er war der größte von uns. Sein langes weißes Haar schimmerte unter dem Lampenlicht. Ich ging als letzte. Wir wurden in den Warteraum geführt. So wie es immer der Fall war.
Wir gingen durch die Tür. Kein Fenster, war in diesem leeren Raum. Nur die Kälte und die vertraut dicke Luft, die hier herrschte. Es roch nach Blut, Schweiß und Metall. Uns wurden die Stahlfesseln abgenommen. Wir brauchten sie nicht. Sie waren mehr ein Symbol, das uns daran erinnern sollte, dass wir nicht frei waren. Niemals. Meine Hände zitterten. Um die Handgelenke hatten sich Blutkrusten gebildet. Ich setzte mich in die Ecke, in der ich immer saß. Zog die Beine an mich und legte den Kopf auf die Knie. Ich versuchte das kichern und flüstern der Zwillinge auszublenden und konzentrierte mich auf das Surren der Lampe. Ich spürte, wie Zaagan sich neben mich setzte. Nah genug, dass sich unsere Schultern fast berührten.
„Hast du Angst?“, fragte er. Seine Stimme war sanft aber mit einem unterschwelligen Zittern.
„Immer.“, antwortete ich. Ein leises flüstern.
„Ich auch.“, wisperte er.
Sein Blick auf mich gerichtet. Ich hob den Kopf. Schaute in seine Richtung. Ich ließ die Hände auf den Boden gleiten und ballte sie zu einer Faust. Er kam etwas näher. Unsere Schultern berührten sich. Die Zwillinge kicherten im Hintergrund. Ich schwieg. Dann legte Zaagan vorsichtig seine Hand auf meine. Meine Finger entspannten sich leicht. Ich drehte die Hand um. Wir verschränkten die Finger ineinander.
„Wir werden es auch dieses Mal überleben.“, sagte er.
Dann hörte ich die dumpfen Schritte aus der Ferne. Elegant, rhythmisch, wie ein Raubtier. Es war Azazel. Das aschgraue Haar nach hinten gekämmt. Der Anzug ließ ihn wie ein Butler wirken – nur dass er etwas viel schrecklicheres war. Seine galante Haltung ließ ihn noch verzerrter wirken. Groß und schmal und doch strömte er unaussprechliche Kraft aus. Er zupfte seinen schneeweißen Handschuh zurecht und schaute uns einen nach den andern an. Seine goldgelben Augen blieben einen Moment auf mir liegen. Sein Blick durchdrang mich, wie ein Albtraum, der sich in der dunkelsten Ecke deines Verstandes einnistet.
„Heute brauchen wir nur zwei von euch.“, sagte er und trat näher an uns heran.
Zaagan drückte meine Hand fester. Ich erwiderte.
„Ihr beide. Kommt mit.“, sagte er und drehte sich ohne ein weiteres Wort um.
Zaagan ließ meine Hand los. Wir standen auf und wir folgten ihm. Still. Gehorsam. Er führte uns in eine große Halle. Das hier war nicht nur eine Halle. Es war ein Schauplatz vieler grausamen Rituale. Die Luft war dick. Es roch nach Tod und Verzweiflung. Auf dem Boden, an den Wänden – überall waren Blutspuren zu sehen. Mache alt, manche frisch. Von der Decke ragten dicke Metallketten, die beim Vorbeigehen zusammenprallten. Ein lautes, klirrendes Geräusch, das durch Mark und Bein ging. Die Schreie hallten an den Wänden nach. Azazel führte uns zum Runenkreis in der Mitte. Frisches Blut. Alles perfekt vorbereitet. So wie es immer war. Aber etwas war anders, als sonst. Ich wusste nicht was. Es war nur so ein Gefühl.
Es musste kein Ton gesagt werden. Wir wussten. Was jetzt kam. Wir stellten uns nebeneinander auf und hoben die Arme. Azazel holte das Messer. Die Klinge glänzte im fahlen Licht. So scharf, dass sie die Luft zu schneiden schien. Er setzte an. Ein sauberer Schnitt. Ich zuckte nicht. Es brannte fürchterlich und der Schnitt glühte für einen Moment blau auf. Dann folgten weitere. Runen wurden eingeritzt. Eine nach der anderen. Meine Haut brannte – nein, mein ganzer Körper brannte. Ich machte keinen mucks. Dann war Zaagan dran. Auch bei ihm wurden die Runen eingeritzt. Ich spürte, wie er seinen Körper anspannte. Nicht das kleinste Zucken. Sie hatten uns gut erzogen. Mein Blick fixierte sich auf die Blume, die Azazels Anzug zierte. Eine blaue Spinnenlilie.
„Nun stellt euch in den Kreis. Die Verbindung wird jetzt vorbereitet.“, befahl er.
Wir stellten uns auf. Gegenüber. Die Runen glühten blau auf, als wir den Kreis betraten. Azazel sprach Worte, die ich nicht verstand. Worte, aus einer längst vergessenen Sprache. Zaagan schaute mich an. Ernst. Aber sein Blick sagte mir, dass wir das durchstehen würden. Die Runen – sie brannten. Es fühlte sich an, als wären meine Arme in Flammen gehüllt. Dann ein Ziehen. Das Blut – mein Blut. Es wurde aus den Runen herausgezogen. Ich schaute zu Zaagan. Bei ihm dasselbe. Ich presste meine Augen vor Schmerz zusammen. Aber ich spürte es. Eine Verbindung. Es war, als würde unser Verstand sich miteinander verweben. Ich sah ihn vor mir. In meinem Kopf – in meinem Sein. Zaagan. Er wollte sich wehren, aber er wurde zu mir gezogen. Ich hielt die Luft an.
Dann fielen Schüsse.
Azazel verstummte.
Zaagan verschwand aus meinem Kopf. Aber etwas blieb – kaum spürbar, aber doch da. Ich öffnete die Augen langsam. Das Blut, es fiel zu Boden, wie aus einem Eimer. Meine Sicht verschwamm. Mein Kopf pochte. Vom Flur ertönten schnelle, laute Schritte. Unterschiedliche, wie wild durcheinandergeworfen.
“Eindringlinge! Sie haben uns gefunden! Ungeziefer sind hier eingedrungen!”, rief einer und zwei weitere rannten zu uns in die große Halle.
Azazel knurrte. Dann kam Mephistopheles dazu.
“Azazel, das sind diese lästigen Dämonenjäger. Sie haben uns gefunden. Was sollen wir jetzt tun?“
„Von hier verschwinden. Nimm alles mit, vernichte Beweise. Ich kümmere mich um den Rest.“, raunte Azazel und schaute dann zu uns.
Es brannte eine Wut in ihm, die ich nicht beschreiben konnte. Ich spürte sie mit jeder Faser meines Körpers. Mephisto nickte und verschwand dann mit den anderen wieder im Flur.
“Ihr bleibt hier und wenn auch nur einer von euch verschwindet, dann werdet ihr euch wünschen nie geboren worden zu sein!”, mahnte er und seine goldgelben Augen leuchteten auf.
Seine finstere Mine war fast genauso furchteinflößend, wie die von Mephistopheles. Dann verschwand er auch. Wir waren alleine. Ich starrte auf den Gang, zitternd, völlig erstarrt – bis ich spürte, wie Zaagan mir eine Hand auf die Schulter legte. Er redete auf mich ein, doch ich begriff erst, was er sagte, als ich endlich aus meiner Starre erwachte.
“Du musst von hier verschwinden! Das ist vielleicht die einzige Chance.”, sagte er immer und immer wieder. Ich schaute ihn an und erst dann begriff ich es.
“Aber wenn ich das versuche, du hast doch gehört, was er gesagt hat.”, erwiderte ich und schüttelte den Kopf.
“Ja schon, aber…”, sagte er und wurde leiser. “Es muss wenigstens einer von uns hier raus schaffen.”, wisperte er.
“Und was ist mit dir?”, fragte ich. Und ballte die Hände zu Fäusten.
Ich zog meine Schultern zusammen und schaute ihm in sein Gesicht – in seine strahlend weißen Augen, so farblos und doch so vielsagend. Es lauerte etwas dahinter. Etwas Dunkles, das begann sich langsam einzunisten.
„Ich verschaffe dir Zeit.“, erklärte er und kam etwas näher.
„Und wo soll ich dann hin?“, fragte ich. Meine Stimme zittrig.
Der Gedanke daran komplett alleine zu sein, machte mir mehr Angst, als hier zu bleiben. Zaagan war immer eine Stütze für mich. Ein Licht im Dunkeln. Schon seit wir Kinder waren. Schon immer. Daran zu denken getrennt von ihm zu sein, warum fühlte es sich so schmerzhaft an? In meinen Gedanken gefangen nahm er mich bei der Hand und lief mit mir in Richtung Flur.
“Wir müssen uns jetzt wirklich beeilen!”, rief er und als ich wieder im hier und jetzt ankam, realisierte ich erst so richtig, was passierte.
Schreie, Schüsse und Klingen, die auf Beton schnitten. Es war laut und ein riesiges Durcheinander. Dämonen liefen an uns vorbei. Bemerkten uns nicht mal. Aber jedes Mal bleib mein Atem stehen, weil ich dachte Azazel war es. Oder Mephisto. Der Flur schien endlos. Tausend Verwinkelungen aber Zaagan lief zielgerichtet. Er hatte einen Plan. Das spürte ich. Dann blieben wir stehen. In einer Dunklen Nische, in der uns niemand entdecken würde. Ich stand mit dem Rücken zur Wand und Zaagan direkt vor mir. Sein Atem schwer. Meiner auch.
„Ab hier musst du alleine weiter.“, sagte er zwischen den tiefen Atemzügen. Er lehnte sich an der Wand ab, wirkte geschwächt. Kam das vom Ritual? Warum zerrte es nicht auch an mir so sehr?
„Erinnerst du dich an den Schacht? Der im Keller?“, fragte er.
„Ja. Als Kinder waren wir mal dort. Die Strafe dafür werde ich nie vergessen.“, murmelte ich und senkte den Kopf.
„Ich war nochmal dort. Wieder und wieder.“ Er zitterte, aber nicht vor Angst. „Er ist dein Fluchtweg nach draußen. Dafür habe ich gesorgt.“, ergänzte er.
„Zaagan, ich…“ Er kam näher.
Ich spürte seinen Herzschlag. Ich lehnte meine Stirn gegen seine Brust. Dann schling er seine Arme um mich. Ganz sachte. Mein Gesicht wurde Feucht. Ein Schluchzen entkam meiner Kehle. Ich schmiegte mich an ihn. Genoss jeden Augenblick. Es gab mir Sicherheit, zumindest für einen kurzen Moment. In diesem Moment wusste ich. Ich musste es schaffen – für ihn. Wenn ich stark genug werden würde, dann könnte ich ihn retten. Dann könnte ich es diesen elenden Mistkerlen zeigen und sie allesamt vernichten. Ich konnte das schaffen, wenn ich mich jetzt nur zusammenreißen würde.
„Bitte halte durch, Zaagan. Wir werden und Wiedersehen!“, wisperte ich.
Die Umarmung löste sich. Ich hörte das Klacken von Stiefeln, das näherkam.
„Jetzt lauf“, flüsterte er. Das waren seine letzten Worte.
Dann rannte ich los. Ich rannte so schnell ich konnte in Richtung Keller. Es waren Schüsse und Schreie zu hören. Fremde Stimmen. Waren das tatsächlich Dämonenjäger? Wer sollte sich sonst mit so hochrangigen Dämonen anlegen. Ich durfte nicht von ihnen erwischt werden, denn dann würden sie mich zweifelsohne auch töten. Dämonenjäger hatten keine Gnade, wenn es um das Jagen der Höllenbrut geht und ich gehörte dazu, wenn auch nur zu einem Teil. Die Schüsse wurden lauter und ich versteckte mich hinter einer Nische im Gang. Ich konnte eine fremde Männerstimme hören, aber verstand nicht, was er sagte. Dann Schritte. Hinter mir. Oh nein, was wenn sie mich bereits entdeckt hatten? Ich blieb in meiner Nische und hielt die Luft an. Mein Puls schlug wie verrückt und mein Kopf fühlte sich an, als würde er gleich explodieren, aber ich musste ruhig bleiben.
„Hey, da drüben habe ich einen gesehen! Komm schnell!“, rief eine fremde Frauenstimme und lief schnurstracks an mir vorbei.
Ich konnte nur ihre Silhouette erkennen. Sie war sehr schnell und flink und war in nullkommanichts am anderen Ende des Ganges angekommen. Ich schnaufte erleichtert aus, doch dann hörte ich weitere Stimmen. Zwei Schatten liefen an mir vorbei. Ich hielt für einen weiteren Moment den Atem an und wartete ab, bis ich wirklich nichts mehr hörte. Langsam wagte ich mich aus meiner Nische heraus, schaute mich kurz um. Die Lichter im Gang flackerten wie verrückt und ich rannte weiter. Schüsse fielen. Schon wieder. Ich lief einen kleinen Umweg. Dann erreichte ich den Keller. Der Schacht – da war er. Ich schloss die Tür hinter mir und dann hörte ich sie. Mephistos Stimme. Ich erstarrte. Meine Brust schnürte sich zu. Ich hielt den Atem an. Ich war mir sicher, dass er reinkam und mich rauszerren würde. Aber er kam nicht. Ein tiefes Knurren ertönte. Uns trennte nur die Tür.
„Hör zu, du musst sie finden! Ich weiß nicht wo das Ungeziefer schon überall eingedrungen sind aber sie dürfen dieses Weib keinesfalls in die Finger bekommen!“, befahl er jemanden.
Er rührte sich nicht.
Ich auch nicht.
Schweiß lief mir über die Stirn und ich hatte einen dicken Kloß im Hals. Mein Magen spielte verrückt und ich hielt mir die Hand vor dem Mund. Kein Geräusch. Kein Atem. Nur Angst. Seine Schritte entfernten sich. Wurden leiser. Er war weg. Ein tiefer Atemzug. Dann weiter. Zaagan – er ließ mich nicht los. Er war der Einzige, der mir in schweren Zeiten etwas Trost spenden konnte. Eigentlich hatten wir uns gegenseitig Trost gespendet. Ich näherte mich dem Schacht. Die Schrauben waren lose. Das muss Zaagan gewesen sein.
Ich musste es nur hier durch schaffen.
Dann war ich frei.
Ich schob das Gitter beiseite und als ich gerade hineinschlüpfen wollte, hörte ich die Stimme von Azazel. Seine tiefe bedrohliche Stimme rief nach mir. Er hatte mich entdeckt. Ich war bereits im Schacht, aber als ich weiter kriechen wollte, spürte ich seinen festen Griff um mein Fußgelenk. Ich versuchte mich von seinem Griff zu lösen. Zappelte, wehrte mich. Aber er zog mich mit einer Leichtigkeit heraus. Dann wieder ein Schuss. Sein Griff löste sich. Das war meine Chance. Ich kroch wieder rein. Es war finster. Ich musste nur geradeaus. Es fühlte sich wie eine Ewigkeit an und ich hatte das Gefühl, dass der Schacht nie enden würde. Dann sah ich es. Licht. Ich bewegte mich schneller und dann – ich griff nach dem Licht. Ich war frei. Für einen Moment. Dann stürzte ich in den Abgrund und verlor mein Bewusstsein.
Als ich langsam wieder zu mir kam, spürte ich warme Hände auf mir. Mein gesamter Körper schmerzte, doch ich konnte mich kein Stück bewegen. Was war passiert?
Wo war ich?
Mein Verstand war wie benebelt. Dumpfe Stimmen waren zu hören. Davon eine Frau. Mir war so furchtbar kalt. Jemand hob mich hoch. Ich versuchte mich zu regen. Ich wollte aufstehen, schreien, fliehen – aber nicht einmal meine Augen gehorchten mir. Ich konnte nichts tun. Gefangen im eigenen Körper. Ich spürte einen warmen Untergrund und dann konnte ich nur noch Motorgeräusche wahrnehmen.
Die Schwärze umhüllte mich wie ein Mantel.